Stellungnahme von Bürgermeister Litterst...
zur Presseberichterstattung in der Badischen Zeitung vom 03.07.2026 „Lahr ist Top, Schuttertal ein Flop“. Diese wurde an die Badische Zeitung geschickt, mit der Aufforderung sie in der Samstagsausgabe am 04.07.2026 an selbiger Stelle wie den Ursprungsartikel zu drucken.
Nicht Schuttertal ist ein Flop – ein Flop ist die Überschrift
Die Überschrift der Badischen Zeitung „Lahr ist top, Schuttertal ein Flop“ ist ein journalistischer Totalausfall. Sie ist nicht nur zugespitzt, sondern herabwürdigend gegenüber einer ganzen Gemeinde und gegenüber den Menschen, die Schuttertal jeden Tag mit Leben füllen. Wer so formuliert, trifft nicht eine Statistik. Er trifft Familien, Ehrenamtliche, Vereinsvorsitzende, Feuerwehrleute, Musiker, Sportler, Trainer, Jugendleiter, Lehrkräfte, Erzieherinnen, Elternbeiräte, Gemeinderäte, Rathaus- und Bauhofmitarbeiter, Reinigungs- und Betreuungskräfte, Senioren, Kinder und alle, die hier Verantwortung übernehmen.
Schon die Studie selbst ist höchst fragwürdig. Sie trägt den Titel „Geographien der Unzufriedenheit“, misst aber im Kern vor allem Erreichbarkeiten: Wo ist die nächste Kita? Wo hält der nächste Bus? Ist das Krankenhaus erreichbar? Das sind Fragen der Infrastruktur. Daraus auf Zufriedenheit oder Unzufriedenheit zu schließen, ist methodisch dünn. Unzufriedenheit ist kein Geodatenpunkt. Heimatgefühl ist keine Kilometerangabe. Lebensqualität ist nicht die Entfernung zum nächsten Flughafen. Wer wissen will, ob Menschen in Schuttertal zufrieden sind, muss die Menschen in Schuttertal fragen.
Genau deshalb hat eine Bürgerbefragung im Rahmen eines Gemeindeentwicklungskonzepts -wie sie gerade stattfindet- mehr Aussagekraft als ein Ranking von außen. Umso unverständlicher ist, dass am Ende doch eine pauschale Abwertung steht. Besonders absurd wird die Studie dort, wo Schuttertal wegen Gesundheit und Mobilität schlecht abschneidet: Eingerechnet werden Erreichbarkeit von Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken, ÖPNV, Autobahnanbindung und sogar die Entfernung zu Flughäfen. Damit wird nicht Lebensqualität gemessen, sondern Stadtähnlichkeit. Und wenn Stadtähnlichkeit der Maßstab ist, verlieren ländliche Gemeinden zwangsläufig. Eine Gemeinde im Schwarzwald hat keinen Flughafen vor der Haustür. Daraus einen „Flop“ zu machen, zeigt nicht Analyse, sondern Unverständnis für den ländlichen Raum.
Geradezu grotesk wird es beim Thema Bildung. Schuttertal hat in jedem Ortsteil eine Grundschule und einen Kindergarten. Unsere Schule war 2020 Preisträgerin beim Deutschen Schulpreis – gerade wegen ihres besonderen pädagogischen Konzepts. Sie wird von vielen Kindern besucht, weil dieses Konzept überzeugt, und sie ist Inklusionsstandort. Das ist Bildungsqualität im besten Sinne: wohnortnah, innovativ, menschlich und offen für unterschiedliche Bedürfnisse. Eine Studie, die solche Qualität nicht abbildet, aber Entfernungen zählt, verzerrt die Wirklichkeit.
Hinzu kommt die Frage nach dem Auftraggeber. Die Studie wurde vom Tabakkonzern Philip Morris in Auftrag gegeben. Warum gibt ein Tabakkonzern eine Studie über Daseinsvorsorge, Unzufriedenheit und politische Entfremdung in deutschen Gemeinden in Auftrag? Geht es um Wissenschaft, Imagepflege, Themenbesetzung oder Einflussnahme? Diese Frage hätte im Artikel viel kritischer gestellt werden müssen.
Was solche Rankings nicht sehen, ist das, was Schuttertal wirklich ausmacht: Ehrenamt, Zusammenhalt und Verantwortung füreinander. Stellvertretend für so vieles nachfolgend 3 Beispiele: SoMIT Schuttertal e.V., das „Soziale Miteinander in Schuttertal“, das demnächst 5-jähriges Jubiläum feiert. In der Pfarrscheune wurde in bürgerschaftlichem Engagement eine Einrichtung geschaffen, die älteren und pflegebedürftigen Menschen Betreuung, Nähe, Alltagshilfe und ein Leben in vertrauter Umgebung ermöglicht: mit Pflegewohngruppe, Nachbarschaftshilfe, Wohnungen und Gemeinschaftsraum. Das ist Daseinsvorsorge – konkret und menschlich.
Auch die SG Schweighausen zeigt, was Schuttertal ausmacht. Gerade saniert der Verein in unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden seinen Sportplatz. Nach Feierabend, an Wochenenden, mit Maschinen, Muskelkraft, Organisationstalent und Herzblut entsteht dort ein Ort für Kinder, Jugendliche, Familien, Sport und Dorfgemeinschaft. Eine Studie mag erfassen, wie weit Schweighausen vom nächsten Flughafen entfernt ist. Sie erfasst nicht, wie viele Menschen hier ihre Freizeit opfern, um ihre Gemeinde lebendig zu halten.
Dasselbe gilt für 800 Jahre Dörlinbach. Über Jahre hinweg hat ein ganzer Ort gezeigt, was Gemeinschaft, Kreativität und Heimatverbundenheit bedeuten: Festbankett, Jubiläumswochenende, Musik, Kultur, Geschichte, Gottesdienst, Vereine, Feuerwehr, Helferinnen und Helfer und noch so vieles mehr. Das war kein Flop, sondern ein starkes Zeichen einer lebendigen Gemeinde.
Deshalb ist die Überschrift der Badischen Zeitung so verheerend. „Schuttertal ein Flop“ ist keine Einordnung, sondern ein abwertender Stempel. Gerade von einer regionalen Zeitung hätte man erwarten dürfen, dass sie differenziert, die Methodik hinterfragt und ländliche Räume nicht an städtischen Maßstäben misst. Hinzu kommt: Die Badische Zeitung ist im Tal – aus welchen Gründen auch immer – nach meiner Wahrnehmung immer weniger präsent. Gemeinderatssitzungen, Generalversammlungen, Vereinsveranstaltungen und ehrenamtliche Projekte finden statt, werden aber immer seltener durch eigene journalistische Präsenz begleitet. Wer immer weniger vor Ort ist, sollte besonders vorsichtig sein, eine Gemeinde von außen abzuqualifizieren.
Waren die verantwortlichen Redakteurinnen und Redakteure überhaupt schon einmal in Schuttertal? Haben sie SoMIT gesehen, die SG Schweighausen, das Jubiläum 800 Jahre Dörlinbach, unsere Schule, Vereine, Feuerwehr und Dorfgemeinschaften erlebt?
Schuttertal hat Herausforderungen. Natürlich. ÖPNV und medizinische Versorgung bleiben wichtige Aufgaben. Aber Aufgaben machen eine Gemeinde nicht zum Flop. Nicht Schuttertal ist ein Flop. Ein Flop ist eine Studie, die ländliche Lebenswirklichkeit auf Erreichbarkeitswerte reduziert. Und ein noch größerer Flop ist eine Überschrift, die daraus eine pauschale Herabwürdigung macht.
Schuttertal ist kein Flop. Schuttertal ist lebendig, engagiert, stark und selbstbewusst. Wer das nicht erkennt, sollte nicht über Schuttertal urteilen – sondern erst einmal herkommen.
Schuttertal, den 03.07.2026
Matthias Litterst, Bürgermeister
